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Demütigung und Menschenwürde

Gedanken zum letzten Sonntag nach Epiphanias 2012

Pfr. Michael Dorhs

Pfarrer Dr. Michael Dorhs
Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar

In der Pause musste er immer vor der "Pinkelrinne" stehen, mit dem Gesicht zur Wand und dem Uringestank in der Nase. Während seine Klassenkameraden auf dem Schulhof spielten, wurde er ins Abseits gestellt. So wie er auch im Unterricht allein an einem Tisch zu sitzen hatte. Ausgesondert, schikaniert und gedemütigt, sogar von seinem Lehrer.

Nein, verstanden wird er es nicht haben - wie sollte er auch? Er hatte ja nichts Schlimmes getan. Zehn Jahre lang war er ein ganz normaler Hofgeismarer Junge gewesen; als einziges Kind seiner Eltern vermutlich sehr geliebt und behütet aufgewachsen.

Dann, 1933, von einem Tag auf den anderen, war er nicht mehr der Nachbarsjunge, sondern ein "Judenbengel", kein Mensch mehr, sondern ein "Untermensch". Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie einsam und verzweifelt er sich gefühlt haben muss. Hans Alfred Mathias aus der Johannesstraße 2 - ein Schicksal von vielen.

Fünf Jahre dauerte sein Martyrium. Dann entkam er seinen Peinigern nach England, seelisch verwundet für den Rest seines Lebens - aber immerhin: Er hatte überlebt!

Anders als Ludwig Möllerich aus Grebenstein, dessen nicht einmal zehnjähriges Leben in einem deutschen KZ endete. Wie das von Ruth Goldwein aus Meimbressen, wie das von Kurt Wertheim aus Helmarshausen...

Insgesamt 1,5 Millionen jüdische Kinder wurden im Holocaust vernichtet und mit ihnen ihre Träume von einem gelingenden Leben, 1,5 Millionen Jungen und Mädchen, die kaum oder gar nicht erleben durften, was es heißt, frei und menschenwürdig aufzuwachsen.

"Seht, welch ein Mensch!" sagt Pilatus angesichts des gefolterten und gedemütigten Juden Jesus (Joh 19,5).

Vielleicht weil im Leiden eines Menschen etwas von seiner Menschlichkeit sichtbar wird? So, wie in den gedemütigten Gesichtern jüdischer Mädchen und Jungen etwas aufscheint von ihrer Würde als Gottes Ebenbilder. Freiheit und Leben konnten die Nazis ihnen nehmen - ihre Würde nicht.

Wenn wir in ihren-unseren Orten an sie erinnern, dann zollen wir nicht nur ihnen, sondern auch Gott damit den Respekt, an dem es vielen unserer Vorväter und -mütter aus Angst oder Überzeugung mangelte.

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