Körperkult
Gedanken zum 8. Sonntag nach Trinitatis 2008
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Marianne Biskamp-Dotzert
Pfarrerin für Religionsunterricht an der Herwig-Blankertz-Schule, Hofgeismar
Zur Frage nach dem Lebenswert
Lässig schlendert er über die Wiese, athletisch gebaut und durchtrainiert. Stolz präsentiert er sich mit Waschbrettbauch und Wadentattoo. Ein echter Hingucker!
Und sie nicht minder: Lächelnd , fast siegesbewusst, steigt sie aus dem Wasser, bewegt sich sportlich und schwungvoll, schlanke Bikini-Silhouette mit Bauchnabelpiercing und viel sonnengebräunter Haut.
Fit for fun. Cool am pool. Sehen und gesehen werden - vor allem vom anderen Geschlecht. Die Konkurrenz ist groß und schläft bekanntlich nicht. Also, nur Mut zur Selbstinszenierung. Wer einen schönen Körper hat, soll ihn auch zeigen.
Attraktiv auftreten, das wirkt! Erotisches Knistern garantiert! Summer in the city: Lustort Liegewiese!
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Blickpunkt Körper: Gegenüber einer Leibfeindlichkeit, wie sie Jahrhunderte lang die abendländisch-christliche Tradition prägte, hat das neue Körperbewusstsein durchaus eine befreiende Dimension.
Zu einem positiven Selbstbild gehört auch ein unbefangener, natürlicher und bejahender Umgang mit dem eigenen Körper.
Das allerdings erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit kulturell und zeitbedingten Fremdbestimmungen: Wie viele Frauen und Männer können nicht mithalten und leiden unter dem aktuellen Modediktat, dem Anspruch, begehrenswert sexy sein zu sollen, um beachtet, anerkannt, geschätzt zu werden?
Wie viele Jugendliche schämen sich ihres Körpers, betrachten ihn misstrauisch oder mit Angst und unternehmen enorme Anstrengungen, um sich einem vermeintlichen Schönheitsideal anzugleichen.
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Eine Lektion scheinen sie alle gelernt zu haben: Dass unsere schnelllebige "Signalkultur prämiert, was ins Auge fällt, und privilegiert, was sich dem ersten Blick öffnet" (B. Guggenberger). Sichtbare Schönheit als Signal der Signale!
Intoleranz und Gewalt gegenüber allem Andersgearteten bilden die Kehrseite. Nicht nur, dass der stotternde Junge Zielscheibe des Spottes seiner Klassenkameraden ist und der Rollstuhlfahrer erst angepöbelt, dann zusammengeschlagen wird.
Dass es möglich war, einen Begriff wie "sozialverträgliches Frühableben" in den politischen Diskurs zu bringen und dass Kostendämpfung heute immer stärker im Gesundheits- sowie Rentenwesen ansetzt, rückt auch den alten und kranken Menschen ins Abseits.
Hier zeigt sich das Ausmaß einer gefährlichen Entwicklung: Wird nämlich der Mensch auf bloße Äußerlichkeiten reduziert, nach Funktionstüchtigkeit und wirtschaftlichem Nutzen beurteilt, so steht letztlich die Existenzberechtigung all jener auf dem Spiel, die unsere Nachdenklichkeit und Anteilnahme, unsere Freundlichkeit und unser Sorgen besonders nötig haben.
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Der perfekte Körper ist eine Illusion. Erfahrungen von Versehrbarkeit, Schmerzen, Begrenztheit und Vergänglichkeit sind zutiefst menschliche Erfahrungen, die mit unserer Kreatürlichkeit gegeben sind und an unserem Körper sichtbar werden.
Sie zu leugnen würde bedeuten, Realitäten unseres Daseins zu leugnen. Sie zu integrieren in unser Selbstverständnis als Menschen ist eine elementare individuelle Lebensaufgabe und eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
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