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Bunte Vögel

Gedanken zum 5. Sonntag nach Trinitatis 2008

Pfr. Michael Dorhs

Pfarrer Dr. Michael Dorhs
Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar

Vom Mehrwert des Andersseins

Er war mir schon öfter aufgefallen. Nicht, weil er so gut aussah, sondern weil er so vor sich hin kümmerte. Zwar groß und stattlich gewachsen, aber doch ohne rechten Lebensgeist.

Jedes Jahr im Sommerurlaub fahre ich an ihm vorbei, wenn ich durch die Provence unterwegs bin. Unübersehbar ragt er aus einem Weinberg heraus - ein Feigenbaum.

Aber während das Laub und die Trauben an den Weinreben vor Gesundheit strotzen, scheint er immer weniger Kraft zum Leben zu haben. Verschrumpelte Blätter, nur wenige Früchte - umgeben von lauter Weinstöcken fällt es ihm ganz offenbar schwer, sein Eigenes auszubilden.

Dabei hätte er durchaus etwas zu geben. Seine Früchte schmecken nicht weniger süß und saftig, als die Weintrauben. Und wer einmal unter sengender Sonne unterwegs war, der weiß, wie gut es sich im Schatten eines solchen Baumes sitzt, an den man sich anlehnen und ausruhen kann. Weinstöcke können da nicht mithalten.

Auch Menschen können so vor sich hin kümmern, ohne rechten Lebensmut, ohne klare Vorstellung davon, was Gott in ihnen eigentlich angelegt hat. Und manchmal hat das etwas damit zu tun, dass um sie herum alle Anderen zu wissen scheinen, wie "man" zu sein hat.

"Bunte Vögel", Menschen, die gegen den Strom schwimmen, die anders fühlen oder handeln, die bekommen da schnell ihr Gefieder gestutzt. Am Ende wollen sie selbst nur noch eines: Nicht mehr auffallen, sondern so sein wie alle Anderen. Und das bekommt ihnen sichtlich schlecht. Den Anderen übrigens auch. Denn auch ihr Leben würde reicher, wenn mehr Querdenker, Lebenskünstler oder einfach nur wache und empfindsame Freunde und Nachbarn um sie wären.

Jesus wusste etwas von diesem "Mehrwert" des Anders-Seins. "Gib ihm noch ein Jahr Zeit!" (Lukas 13, 6-9) Das war seine Devise, wenn er mit Menschen zu tun bekam, die vor sich hin kümmerten. Nicht ausgrenzen, nicht gleichmachen und schon gar nicht abholzen. Sondern dafür sorgen, dass jeder die Zeit und die Förderung bekommt, die er braucht, um sich entfalten zu können.

Am Ende blieben dann weniger Menschen auf der Strecke. Und das wäre ganz in Gottes Sinne!

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