Lebensklarheit
Gedanken zum Sonntag Judika 2008
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Pfarrer Dr. Michael Dorhs
Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar
Notwendige Erinnerungen
Es war die Sehnsucht, die mich berührte: Der tiefe Wunsch, die eigenen Wurzeln kennen zu lernen, um zu verstehen, warum das eigene Leben so und nicht ganz anders verlaufen ist.
In seinem Buch "Wenn die Erinnerung kommt" macht sich der jüdische Historiker Saul Friedländer auf die Suche nach seiner Lebensgeschichte. Er erzählt sie als erwachsener Mann. Aber zwischen den Zeilen spürt man den Blick des kleinen Jungen, der viel zu früh erwachsen werden musste.
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Das gibt es bis heute, dass Kinder zur Unzeit etwas tragen müssen, dessen Bedeutung sie gar nicht ermessen können.
Der kleine Saul jedenfalls versteht nicht, warum die friedliche Welt seiner Kindheit durch den Einmarsch der deutschen Truppen in Prag 1939 plötzlich aus den Fugen gerät. Warum er fliehen muss und von seinen Eltern getrennt, getauft und in Frankreich unter falschem Namen in einem katholischen Internat versteckt wird.
Er überlebt, während seine Eltern in Auschwitz ermordet werden. Friedländer hat sie nie wieder gesehen. Wie soll die Seele eines Kindes von zehn Jahren das alles verstehen? "Wenn die Erinnerung kommt", sagt Friedländer, "kommt auch das Wissen".
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Manchmal muss erst viel Zeit vergangen sein, um zumindest zu ahnen, warum wir so sind, wie wir sind. Welche Ängste uns bestimmen und welche Hoffnungen wir haben. Was wir gut können, auch, was wir am liebsten vor den Blicken der Anderen verstecken.
Als Christinnen und Christen glauben wir, dass uns in der Tat diese Klarheit über uns selbst eines Tages geschenkt werden wird und wir "erkennen, gleichwie wir erkannt sind".
Paulus spricht im 1. Korintherbrief von dieser Gewissheit unseres Glaubens. Dass wir am Ende unseres Lebens, wenn das Vergängliche, das Vorläufige aufhören wird und das Unvergängliche, das Vollkommene beginnt, von Gott selbst erfahren werden, warum unser Leben nicht ganz anders verlaufen ist.
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Vielleicht müsste man in diesem Sinne Friedländers Satz umkehren: "Wenn das Wissen kommt, kommt die Erinnerung". Wenn wir wissen werden, wie wir von Gott her gemeint sind, dann werden auch die einzelnen Erinnerungsstücke wie Puzzlestücke plötzlich gemeinsam ein in sich sinnvolles Ganzes ergeben.
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