Zufallsbilder - Landschaften im Kirchenkreis Hofgeismar

 

Ihre Kirche in
Nordhessen



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Sich unterbrechen lassen

Gedanken zum Sonntag Trinitatis 2007

Pfarrerin Anne Vilmar

Anne Vilmar
Pfarrerin in Hofgeismar-Altstadt

Punkt zwölf am Mittag kam er und betrat die alte, kalte Kirche. Um sie kurz darauf wieder zu verlassen. Jeden Tag.

So ging das nun schon seit langer Zeit. Der Pfarrer wunderte sich. Und fragte den Mann, was er denn in der Kirche tue?

Ich bete, sagte der Alte.

So kurz?, dachte der Pfarrer. Wie kann er da wirklich beten?

Ich kann keine langen Reden halten, ergänzte der Mann. Aber ich komme jeden Tag um zwölf Uhr und sage:

Jesus, hier ist Johannes.

Eines Tages kam Johannes ins Krankenhaus. Ärzte und Pflegepersonal stellten bald fest, dass er auf die anderen einen guten, einen heilsamen Einfluss hatte.

Johannes, fragten sie ihn, wie machst du das? Du bist gelassen und heiter! Du hilfst und bist da, deine Nähe tut anderen gut.

Ach, winkte Johannes ab, dafür kann ich nichts. Es kommt durch meinen Besucher.

Welchen Besucher?, fragten sie sich. Johannes hatte noch nie Besuch gehabt. Keine Verwandten, keine Freundinnen oder Freunde.

Dein Besucher, fragte die Schwester, wann kommt er denn?

Jeden Mittag um zwölf, sagte Johannes. Er tritt ein, steht an meinem Bett und sagt: Johannes, hier ist Jesus.

In vielen Orten läuten mittags um zwölf die Kirchenglocken, auch in Hofgeismar und ich höre sie fast immer. Ich höre sie mit meinen Ohren und auch mein Herz hört sie. Dann lasse ich sein, was ich gerade tue oder zu tun vorhabe und lasse mich unterbrechen:

Stift beiseite, Buch zu, jetzt nicht noch schnell einen Anruf oder weg mit dem Küchenmesser, Wasserhahn aus, der Salat muss warten. Es ist meistens nur ein kurzer Moment, eine ganz bewusste Pause. Ich halte an und kehre ein: bei Gott, bei mir selbst. Auch mit anderen verbinde ich mich durch einen Gedanken, ein kurzes Gebet.

Solche Unterbrechungen sind mir kostbar. Sie sind wie ein Zeichen, das über mich selbst und meine Tätigkeiten, sogar über mein Leben hinausweist.

Besinnung braucht nicht viel Zeit. Und keine langen Reden. Es ist wie Atem holen. Ein Blick in den Himmel. Sich Orientieren. Es ist wie das Schöpfen aus einer Quelle. Die Vergewisserung: du bist da, Gott. Nicht nur am Sonntag.

In vielen Orten sind die Kirchen tagsüber offen, laden ein zum Pause machen, Atem holen, zu einer kleinen Unterbrechung des Alltäglichen. Nicht nur am Sonntag: Herzlich willkommen.

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