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Täter und Opfer

Gedanken zum 16. Sonntag nach Trinitatis 2007

Pfrn. Marianne Biskamp-Dotzert

Marianne Biskamp-Dotzert
Pfarrerin für Religionsunterricht an der Herwig-Blankertz-Schule, Hofgeismar

Zu einer Zeichnung von A. R. Penck

Mit wenigen Strichen hat der Künstler die Szene skizziert: Eine große, männliche Gestalt stürzt mit ausgestreckter, spitzer Waffe auf ihr Opfer zu. Ihre Erektion zeugt vom Rausch der Gewalt.

Schmal und klein die Figur gegenüber, mit einem Fuß schon hart am Abgrund, um Gleichgewicht ringend, die Arme in den offenen Raum erhoben. In einer Hand hält sie einen Spiegel, der den Täter mit sich selbst konfrontiert.

Wird der Angreifer sich stoppen lassen oder wird sein eigenes Spiegelbild ihn nur noch weiter reizen, sein tödliches Spiel zum Ende zu treiben?

   Zeichnung - A.R. Penck  

Auf das Wesentliche reduziert, wirkt Pencks Bild archaisch, zeitlos aktuell, interpretationsfähig in viele Richtungen des persönlichen, beruflichen oder politischen Lebens.

Es fordert heraus, Gewalt in ihren zahlreichen Erscheinungsformen bewusst wahrzunehmen und zu benennen, sich selbst ehrlich zu positionieren und zu hinterfragen.

Im Kontext von Fremdenfeindlichkeit und -hass war meinen Schülerinnen und Schülern noch vor gut zehn Jahren schnell klar, wer hier Täter und wer Opfer ist. Sie selbst blieben in der Regel relativ distanzierte Beobachter. Heute dagegen ist keineswegs mehr deutlich, wie die Rollen zu verteilen sind.

Es scheint, als habe in der Wahrnehmung der Jugendlichen geradezu eine Umkehrung stattgefunden. Viele identifizieren sich mit dem Opfer, fühlen sich abgehängt, in die Enge getrieben und bedroht von übermächtigen Fremden.

Nicht wenige berichten, es habe nichts gebracht, ihrem Angreifer "den Spiegel vorzuhalten", ihn in ein Gespräch zu verwickeln und zum Einlenken zu bewegen. Theoretisch wissen sie natürlich, dass Gewalt keine Lösung ist, manchmal aber eben doch - wenigstens kurzfristig!?

Ein brisanter Befund angesichts der Bemühungen um Integration und ein friedliches Miteinander. Ihn zu verschweigen hilft allerdings nicht weiter.

Ein positiver Ansatz: Immerhin sprechen die Jugendlichen aus, was sie empfinden und spielen uns allen damit den Ball zu: Sind wir bereit, diese jungen Menschen ernst zu nehmen? Ihre Gefühle der Ohnmacht auszuhalten? Auf oberflächlichen Aktionismus und Schuldzuweisungen zu verzichten? Gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und Bedingungen zu schaffen, die eine intensive Zuwendung zum einzelnen erst ermöglichen?

Wie wollen wir antworten? Was werden wir tun?

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