Kindermund tut Wahrheit kund
Gedanken zum 13. Sonntag nach Trinitatis 2007
|
Eva Hillebold, Gemeindepfarrerin in Gieselwerder und Pfarrerin im Landeskirchenamt (zuständig für die Begleitung der Theologiestudierenden)
Wohin willst du?, fragte der Vater.
Raus, sagte Benjamin.
Ich will aber nicht, dass du mit diesem Josef rumziehst!, sagte der Vater.
Der Josef ist aber in Ordnung, sagte Benjamin.
Möglich, sagte der Vater. Aber was kannst du schon von ihm lernen? Du weißt doch, dass er … sagen wir mal … etwas zurückgeblieben ist.
Benjamin antwortete: Ich lerne von ihm, Schiffchen aus Papier zu falten.
Und sonst?, fragte der Vater.
Wir laufen rum, sagte Benjamin. Sehen uns alles an und so.
Kannst du das nicht auch mit einem anderen Kind tun?
Doch, sagte Benjamin. Aber der Josef sieht mehr.
Was?, fragte der Vater.
Blätter und so. Steine. Ganz tolle. Und er weiß, wo Katzen sind. Und die kommen, wenn er ruft, sagte Benjamin.
Hm, sagte der Vater. Pass mal auf, sagte er. Es ist im Leben wichtig, dass man sich immer nach oben orientiert.
Was heißt das?, fragte Benjamin.
Das heißt, dass man sich Freunde suchen soll, von denen man etwas lernen kann. Weil sie vielleicht ein bisschen klüger sind als man selber.
Benjamin blieb lange still.
Aber, sagte er endlich, wenn du meinst, dass der Josef dümmer ist als ich, dann ist es doch gut für den Josef, dass er mich hat, nicht wahr?
![]()
Ich brauche einen Moment, um diese Geschichte von Gina Ruck-Pauquèt zu begreifen. Benjamins Sichtweise verblüfft mich und öffnet mir die Augen. Die Worte eines Kindes, die so viel weiter und weiser sind als die Sicht des Erwachsenen.
Gut, dass Kinder die Welt mit ihren Augen sehen und sie uns öffnen können. Gut, dass Kinder die Dinge unvoreingenommen betrachten und unsere Perspektive hinterfragen.
![]()
Vielleicht haben sie bewahrt, was dieser Vers sagt:
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.
![]()

