Sofortrente
Gedanken zum 2. Sonntag nach Trinitatis 2007
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Pfarrer Dr. Michael Dorhs
Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar
Träume vom gelingenden Leben
"Herzlichen Glückwunsch - Sie haben gewonnen!" Und zwar nicht bloß ein Tiermemory von der Kinderseite der HNA oder ein Kochbuch mit pfiffigen Kartoffelrezepten, sondern "richtig Geld"! So, dass Sie beinahe ausgesorgt haben. 100.000 € bei der "Goldenen Eins" oder - in gewisser Weise noch attraktiver - die Sofortrente.
Geben Sie's ruhig zu: Auf diesen Anruf warten Sie alle! Mindestens im Geheimen. Ich jedenfalls kenne viele, die davon träumen und nur deshalb ein Mega-Los der Fernsehlotterie gekauft haben. Zehn Euro jeden Monat investiert, in der Hoffnung, dem Traum vom anderen Leben auf diese Art näher zu kommen. Und "anders" wäre das Leben, das Sie mit einer gewonnenen Sofortrente führen würden doch - oder?
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Nicht mehr arbeiten zu müssen, sich etwas leisten zu können oder endlich die drückenden Schulden abzahlen zu können… auf einen Schlag finanzkräftig zu sein, das kann das eigene Leben sehr verändern.
Was würden Sie tun, wenn Sie den Anruf erhielten mit dem erlösenden Satz: "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen"? Meine Frau hat mich am Wochenende mit der Frage konfrontiert, was ich denn täte "im Fall der Fälle". Und ich fand es gar nicht so leicht, darauf eine Antwort zu finden. Schließlich weiß man ja aus manchem Märchen, wie sehr das auch daneben gehen kann, wenn eine Fee kommt und sagt, man habe drei Wünsche frei. Was würden Sie tun?
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Drei kurze Gedanken dazu:
Der erste Gedanke: Mir ist im Nachdenken über die Frage klar geworden, dass ich tatsächlich Wünsche, Ideen, Träume habe, was ich mit einem solchen Gewinn machen würde. "Wunschlos glücklich" in diesem Sinne bin ich nicht. Auch wenn ich keine Not leide und ich mein Leben als in vielfacher Weise erfüllt erlebe - es gibt für mich immer noch etwas, das noch offen ist. Etwas, das aussteht, dessen Erfüllung ich mir wünsche. Und das finde ich gut!
Gut deshalb, weil es mich davor bewahrt, mich zu schnell einzurichten, mich zu schnell abzufinden mit dem, was ist. Meine Wünsche - auch die materiellen - ziehen mich nach vorne, setzen Energien frei und stärken meine Lust am Leben. Ich bin noch nicht fertig, ich will noch was, und Gott sei Dank ist das so!
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Der zweite Gedanke: Nicht alles, wonach ich mich sehne, was ich mir erträume, ist mit Geld zu bezahlen. Geliebt zu werden, so, wie Gott mich geschaffen hat, wertgeschätzt zu werden für das, was Gott mir an Gaben und Fähigkeiten mitgegeben hat, diese Erfahrungen kann ich mir nicht für Geld kaufen.
Gleichzeitig spüren wir alle, wie wichtig es aber für die Gesundheit der eigenen Seele, ja, für die eigene Lebensgewissheit ist, solche Erfahrungen zu machen - gerade in Zeiten, in denen wir an uns zweifeln. Dass ich geliebt bin, dass ich Wertschätzung erfahre, dazu kann ein Hauptgewinn im Lotto nicht wirklich etwas beitragen - und auch hier sage ich: Gott sei Dank! Wenn es anders wäre, wäre es verlogen, wäre es Menschen verachtend. Käufliche Liebe, bezahlte Wertschätzung sind wertlos und machen nicht satt.
Aber: In den materiellen Dingen, für die wir gerne die Sofortrente investieren würden, drückt sich auch etwas aus, was über das Materielle hinausgeht. Ich habe sie für mich "Träume vom gelingenden Leben" genannt. In ihnen geht es um die Sehnsucht danach, auch endlich sein eigenes Stück vom Himmel abzubekommen, die Gott ja nicht ohne Grund in uns eingesenkt hat.
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Insofern ist es ganz und gar nicht vermessen, dieses Stück auch haben zu wollen! Im Gegenteil: das lustvolle Ausmalen der Antwort auf die Frage "Was wäre eigentlich, wenn…? Was würde ich machen mit so viel Geld?" passt für mich sehr gut zu unserem Glauben. Denn ein Leben, in dem nichts mehr gehofft wird, in dem wir von der Zukunft nichts mehr erwarten, ist nicht das Leben, das Gott uns zugedacht hat.
Wem dies, was das Materielle angeht, zu unkritisch ist, der sei immerhin auch daran erinnert: Mit viel Geld kann man auch viel Gutes und Nützliches unterstützen, anschieben, auf den Weg bringen, wovon auch andere etwas haben. Nicht nur Jesus wusste, dass man sich auch mit dem ungerechten Mammon Freunde machen kann und nach seiner Meinung sogar machen soll. Also: nicht zu schnell über viel Geld die Nase rümpfen!
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Der dritte und vielleicht wichtigste Gedanke: Wenn der Anruf denn tatsächlich käme, dann wüsste ich zwar, was ich mit dem Geld täte, aber grundlegend ändern würde sich mein Leben nicht. Im Prinzip sind die Gewichte in meinem Leben schon ziemlich gut verteilt. Schon allein um das zu spüren, hat es sich für mich gelohnt, über die Frage meiner Frau nachzudenken: Was wäre eigentlich, wenn… Entscheidendes habe ich nicht aufgeschoben auf den "Tag X".
Aufhören zu arbeiten würde ich übrigens nicht. Mit Sicherheit! Vielleicht etwas reduzieren, um mehr Zeit für andere und anderes zu haben, das mir wichtig ist. Aber "aufhören"? Nein! Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass Gott mich gerade an diesen Platz gestellt hat. Warum? Ich weiß es nicht.
Vielleicht ja deshalb, weil auch in der Art, wie ich meinen Beruf (und gerade diesen Beruf) ausübe, etwas davon sichtbar wird, wie Gott mich gemeint hat. Wenn's denn stimmt, dann wäre auch das ein Stück vom Himmel, das Gott mir zugedacht hat. In diesem Sinne hätte ich eigentlich schon gewonnen. Deshalb: Herzlichen Glückwünsch!
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