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Vom Seufzen der Kreatur

Gedanken zum Sonntag Invokavit 2007

Pfr. Michael Dorhs

Pfarrer Dr. Michael Dorhs
Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar

Zum aktuellen Streit um das Schächten

Tierfreunde finden leicht ein offenes Ohr bei den Menschen, im Kreis Hofgeismar derzeit besonders. Denn ein heftiger Streit ist hier entbrannt um die Frage, ob Muslime (und Juden) Tiere auch bei uns gemäß ihrer religiösen Vorschriften schlachten dürfen oder nicht.

"Schächten" heißt das Reizwort, das viele zu Leserbriefschreibern werden lässt. Gemeint ist eine Jahrtausende alte Art des Schlachtens, bei der das Tier ohne zusätzliche Betäubung mit Hilfe eines schnellen und scharfen Schnitts durch Speise- und Luftröhre getötet wird, damit es völlig ausbluten kann.

In der Bibel wird sie ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Und es besteht kein Zweifel, dass sich Jesus und die ersten Christen natürlich von geschächtetem Fleisch ernährt haben. Die Frage, ob Schächten nicht Tierquälerei sei, hätten sie gar nicht verstanden; ob gleiches auch für unsere Art der Massentierhaltung gilt, wage ich dagegen sehr zu bezweifeln.

In Deutschland war es übrigens nicht der Tierschutz, sondern ein aggressiver Antisemitismus, der das Schächten Ende des 19. Jahrhunderts in Verruf brachte. Seinerzeit versuchten höchste Reichsinstanzen und Wissenschaftler von Weltruf, die Unterstellungen der Schächtgegner durch Gutachten und Gerichtsurteile zu entkräften. Vergeblich. Die Vorurteile hielten sich hartnäckig.

Obwohl längst widerlegt, erreichen sie bis heute scheinbar mühelos, was ungezählte Fotos und Filmaufnahmen von Legebatterien und Fleischfabriken kaum schaffen: Nämlich Mitleid hervorzurufen mit den geschundenen Kreaturen, von denen schon Paulus wusste, dass ihr Seufzen angesichts "umgekippter" Gewässer und ihre Ängste bei überflüssigen Tierversuchen in der Tat auch etwas mit uns Menschen und unserem Umgang mit ihnen zu tun haben.

Deshalb werden Christinnen und Christen immer die Bemühungen um eine artgerechte Tierhaltung unterstützen, hoffentlich auch dann, wenn es ans eigene Portemonnaie geht. Schließlich wissen wir um die Würde und den Wert unserer Mitgeschöpfe.

Aber wir werden uns auch nicht missbrauchen lassen zum religiösen Kulturkampf gegen unsere jüdischen und muslimischen Nachbarn. Mit ihnen wollen wir leben und gerne darum wetteifern, wer von uns angemessener auf das Seufzen der Kreatur reagiert.

Ob unsere Art des Schlachtens dabei den Sieg davon tragen wird, ist freilich noch offen.

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